new texts (german/french)

LAURENCE NOEL

La musique des pierres

Il n’est pas si aisé de parler du dernier travail de Katharina Razumovsky. Le titre même de cette série plonge d’emblée le spectateur dans des abîmes de perplexité. Dans quel voyage nous embarquons-nous ? Vers quels rivages ? Sur quel chemin s’opèrera la rencontre entre le minéral et l’émotion ?

Peut-être s’agit-il de s’abandonner et de se perdre dans ce Stonhenge moderne où les pierres résonnent comme des cloches.

Peut-être est-il question d’une ouverture à l’instant, à ce qui est dans sa dimension toute phénoménologique, se laisser capturer littéralement par l’œuvre et non tenter de la dompter. Lâcher toute forme d’intentionnalité, toute velléité d’aborder l’oeuvre par l’analyse, de chercher des liens, un système de références et plutôt se laisser porter par sa dimension pré-historique et poétique.

Les formes aux contours incertains et hésitants interpellent notre inconscient, laissent émerger des mondes intérieurs à la géométrie aléatoire.

Les couleurs profondes, riches, denses et insistantes sont posées là telles des strates, qui recouvrent de scories couche après couche, l’intention initiale et nous renvoient encore à notre pré-histoire.

L’œuvre comme révélateur de l’inconscient avec ses trous, ses béances, ses blessures colmatées, une sorte de danse immobile, un va et vient mental et émotionnel, un corps à corps de la toile au spectateur, un dialogue éruptif et parfois ingrat. N’y aurait-il rien d’autre à voir dans ces trous que notre propre vacuité?

Trous obsédants comme de l’immobilité dans le mouvement de la toile, comme du silence dans la symphonie ambiante.

Expérience esthétique et transgressive, voyage dans l’au-delà de la toile et dans notre propre au-delà. Expérience du vide et du néant, vertige. Et le retour au tableau dans sa totalité.

C’est peut-être aussi un voyage intérieur qui parle de nos limites, de notre finitude, mais aussi de  notre liberté. Celle par exemple de nous laisser happer par le tableau, aspirer par ce mystérieux trou noir du vide blanc.

Regarder à-travers, oser enfin l’envers du décor, traverser comme Alice le miroir et se voir peut-être, enfin.

Mais qui sait ? Dans le monde de Katharina Razumovsky tout est possible, alors peut-être est-ce le tableau qui nous regarde de ses yeux vitreux et qui nous perce à jour….

Allons nous baisser la garde et nous laisser aller à la transgression du regard quitte à risquer la déception ?

Ou tout simplement aller voir sans rien attendre  en retour, rentrer dans l’expérience de l’aller-retour sujet-objet, dans cette dialectique de l’œuvre et de l’être , dans ce dialogue perpétuel dans lequel les béances de l’œuvre font écho aux blessures de l’âme.

L’artiste ici soigne les blessures de la toile d’une résine nous invitant peut-être par là-même à la réparation.

 


LAURENCE NOEL (Übersetzung K.R.)

Die Musik der Steine

Es fällt nicht immer leicht, die neuesten Arbeiten von Katharina Razumovsky zu besprechen. Allein der Titel lässt den Betrachter zuriefst perplex. Auf welche Reise brechen wir auf? Zu welchen Ufern? Auf welchem Pfad wird die Begegnung zwischen dem Mineralischen und den Emotionen stattfinden?

Vielleicht geht es darum, sich hinzugeben und sich in diesem modernen Stonhenge zu verirren, wo Steine wir Glocken schallen. Vielleicht geht es um eine Öffnung hin zum Augenblick, zu dem, was da ist, in seiner phänomenologischen Präsenz: Sich gefangen nehmen zu lassen von dem Kunstwerk, und nicht es beherrschen zu wollen, jeglichen Vorsatz aufzugeben und jeden leisenVersuch, dem Bild analytisch zu begegnen und Verbindungen, Beziehungsgeflechte zu suchen, und sich lieber von seiner prä-historischen und poetischen Dimension tragen zu lassen. 

Mit ihren zögernden und tastenden Umrissen appellieren die Formen an unser Unbewusstes, lassen innere Welten aufsteigen, deren Geometrie rein zufällig ist. Die tiefen und reichhaltigen Farben sind in ihrer Eindringlichkeit  und Dichte in Schichten angelegt, Schichten, von denen eine nach der anderen die ursprüngliche Absicht überdeckt und uns an unsere Vor-Geschichte zurückverweist.

Das Bild, mit seinen Löchern, seinen Leerstellen, seinen Öffnungen oder Wunden bringt unser Unbewusstes ans Tageslicht, in einem stillen Tanz, einem mentalen Hin-und Her, einem oft mühevollen Nahkampf mit der Leinwand. Ist in den Leerstellen nichts zu finden als unserer  eigener Mangel an Substanz? Die Löcher nehmen von uns Besitz wie die Unbeweglichkeit inmitten der Farbbewegung, wie die Stille in der sie umgebenden Symphonie. 

Es ist eine ästhetische, sinnen- übergreifende Erfahrung, eine Reise in das Jenseits der Leinwand und in unser eigenes Jenseits, eine Erfahrung der Leere, des Schwindels – und das Zurück zu dem Bildeindruck in seiner Totalität. Es ist vielleicht zudem eine Reise ins Innere, die von unseren Grenzen erzählt, unserer Endlichkeit, aber auch unserer Freiheit. Diejenige etwa, uns von dem Bild aufsaugen zu lassen, von diesem mysteriösen schwarzen Loch der weißen Leere. Hindurch sehen, es wagen, auf die andere Seite zu sehen, wie Alice, die durch den Spiegel geht, und, vielleicht, sich endlich selbst zu begegnen. 

Doch wer weiß? In der Welt von Katharina Razumovsky ist alles möglich – also ist es vielleicht das Bild, das uns mit seinen gläsernen Augen betrachtet und durch-schaut? Werden wir das Visier herunter klappen und mit unserem Blick die Grenze überschreiten, auch wenn wir dabei riskieren, enttäuscht zu werden? Oder einfach nur hinsehen, ohne etwas zu erwarten, eintauchen in die Erfahrung des Hin-und Her zwischen dem Objekt und dem Subjekt, in die dialektische Bewegung zwischen dem Werk und dem Sein, in diesem immer währenden Dialog, in dem die Leerstellen des Bildes den Wunden der Seele ein Echo verleihen. Die Künstlerin heilt die Wunden der Leinwand mit Harz und lädt uns selbst zur Heilung ein.


LOSE GEDANKEN  (K. Razumovsky)

 

Die Serie „Die Musik der Steine“ entlehnt ihren Titel einem Forschungs-Roman von Nicolas Idier, der ein Porträt des zeitgenössischen chinesischen Malers Liu Dan zeichnet und dabei immer wieder weit ausholt in die ästhetische Tradition der chinesischen Gelehrten-Steine. Liu Dan ist selber, wie Generationen chinesischer Maler vor ihm, ein Porträtist dieser auserwählten, in der Natur vorgefundenen Steine, ein Zeichner, der die eigenwillige Schönheit jedes einzelnen seiner Sujets mit realistischem und extrem präzisen Strich aufs Papier bringt. Das literarische Eintauchen in diese mir fremde Kunsttradition fiel zusammen mit meinem Umzug auf die vulkanische, tropische Insel „La Réunion“ und mit dem Erleben ihrer atemberaubenden omnipräsenten Vegetation, ihren faszinierenden Stein-und Lavaformationen.

Die Reduktion vom Vielfältigen, Gegenständlichen hin zum Einen und Abstrakten kennzeichnet meinen Weg der letzten Jahre. Dieser Prozess der Loslösung von Einzelnen und der Beschäftigung mit dem Einen wird hier fortgeführt.

Auf der Leinwand schiebt sich ein Farbkörper unbestimmter Form vor seinem monochromen Hintergrund. Seine Farbe changiert in Schattierungen und Oberflächen/Tiefenwirkungen, er selbst bleibt aber dabei strikt zwei dimensional. Seine Kontur ist zögerlich, manchmal wie zufällig entstanden, manchmal mit scharfen Konturen, die an anderer Stelle verwischt sind. Er scheint leicht, trotz seiner Masse und vor seinem Hintergrund zu schweben. Hier und da durchbrechen ihn quadratische Leerstellen, die im Licht geheimnisvoll glänzen. Diese aus der Leinwand geschnittenen aber mit einer transparenten Schicht verkleideten kleinen Felder (in der Form des chinesischen Schriftzeichens, das für Öffnung und Eingang steht) rhythmisieren das Farbfeld – kleine ausgesparte Stellen, die Schatten an die Wand werfen, Grauverläufe  auf der Wand hinter dem Bild. Sie sind wie kleine Bilder im Bild, ruhige, lichte Einheiten, eingebettet in Farbe, kostbar still.

Der Betrachter wird durch den Glanz der kleinen Fenster dazu verleitet, näher zu treten und hindurch zu blicken, um dort aber nichts weiter zu erblicken als die Wand: das, was ein Bild normalerweise ganz verdeckt. So tritt der Betrachter (enttäuscht) wieder zurück, um das Bild in seiner Totalität wahrzunehmen, ein Vor-und Zurück, das zur Dynamik der Bild-Erfahrung beitragen mag, in jedem Fall aber einen schweigenden Dialog zwischen Betrachter und Bild in Gang setzt. Keine Antwort auf die Frage, was das denn bedeute: Neugierde und Ent-täuschung setzen den Dialog in Gang, eine Begegnung, die nie im starren Objektbezug verharrt. Betrachte ich ein anderes Subjekt als Objekt, so raube ich ihm seine Würde, und auch das Bild fordert, nicht auf ein Objekt reduziert zu werden. In der dialogischen Präsenz des Bildes wird das Subjekt/Objekt Verhältnis erkennender Welterfahrung obsolet und ersetzt durch eine lebendige gegenüber Stellung, in der das Subjekt zusammen mit dem Objekt obsolet wird. 

Die Arbeiten der Serie die „Musik der Steine“ gehören zu jener Strömung der Kunst, die diese kontemplative, dialogische ästhetische Erfahrung zum Gehalt hat. Der prozessuale Charakter der Bild-Eroberung durch den Betrachter wird ausgelöst und erhalten dadurch, dass für das Bild alle Interpretationen offen bleiben. In seiner farblichen Präsenz und durch die zum Inspizieren einladenden Leerstellen, die zwar „nichts“ konkretes bedeuten, die aber den Betrachter intrigieren mögen wird die ästhetische Erfahrung „am Leben“ erhalten. Der Gehalt des Bildes, das, was das Bewusstsein wahrnimmt, ist  seine eigene undefinierte lebendige Aktivität in Raum und Zeit, mit der wir die Welt wahrnehmen und permanent für uns erschaffen. Dieses ästhetische Wahr-Nehmen ist vergleichbar mit dem prä-reflexiven Verhalten zur Welt, die jeweils unsere eigene, persönliche, körperliche und emotionale Welt ist, eine Welt, die dem Benennen vorhergeht. Nur wird sie hier bewusst post-reflexiv herbeigeführt.

Phänomenologisch betrachtet ist das Bewusstsein irreduzibel, Jedes Bewusstsein ist Bewusstsein von etwas für jemanden.

In dieser Zeitlosigkeit ist das Bewußtsein prä-reflexiv. Die Wahrnehmung ist je meine, aber auf unreflektierte Weise. In dieser Wahrnehmung ist weder das Ich wesenhaft noch das Bild, sondern nur der aktuelle kontemplative Akt.

Hierdurch wird die Nicht-Wesenhaftigkeit des Ich wie des Seins bewusst: die performative Wahrheit unseres wahrnehmenden je eigenen Bewusstseins.

John Cage zeichnete die Konturen von Steinen mit nach dem Zufalls-Prinzip ausgewählten Bleistift-Stärken nach. Die Steine waren zufällig gesetzte Elemente des Seins in einer Leere: in Musik übersetzt machte das eine Abfolge von musikalischen Tonkompositionen in der gleichmäßig rythmisierten Stille.

Bei  den vorliegenden Arbeiten ist der Farb-Raum hingegen reine sinnlich präsente Gegenwart. Die Pause – das Loch – ist sehr präzise gesetzt, sie ist das, was vom Gegenwärtigen konturiert und präsent gemacht wird, und sie ist somit ein als Leerstelle ein Aspekt des Seins. Im Unterschied zu Cage zeigt sich die Abwesenheit (das Loch) hier mithilfe des sinnlichen Eindrucks des Farbraums, das sie konturiert, und die Leerstelle punktuiert und rhythmisiert das Bild. So gesehen ist die Leerstelle (die nicht-Existenz) nur eine zeitlich bedingte Abwesenheit (noch-nicht Fülle oder nicht-mehr Fülle). 

Zeit und Raum sind Bedingungen der bewussten Wahrnehmung: Wo Zeit bewusst wahrgenommen wird, ist Bewusstsein reflexiv. Reflexives Bewusstsein findet immer in Zeit und Raum statt: wenn die Abwesenheit als ein Noch-Nicht ins Spiel kommt, ist die post-reflexive Funktionsweise der Kunst außer Kraft gesetzt, nicht wirksam. Aber in der ästhetischen Wahrnehmung ist in dem Bild die Leerstelle gleichzeitig und gleichwertig noch-nicht vorhanden und vorhanden. Die Gleichzeitigkeit von Abwesenheit und Anwesenheit deshalb, weil Abwesenheit nur ein Aspekt der Abwesenheit ist. In der vollständigen Gegenwart der Bilderfahrung ist der Mangel, die offene Frage, die keine Antwort finden wird, das Ganze in seiner Fülle (die Weisheit) und das ungestillte Bedürfnis die absolute Erfüllung; In der ästhetischen Erfahrung wird die Leere als Fülle erlebt.

Beides, die Leerstelle im Farbkörper wie letzterer in seiner unmittelbaren Präsenz, werden zu Momenten einer dialektischen Bewusstwerdung, in der es weder um ein wahr oder falsch geht, noch um das Sein und das Nichts, sondern nur um ein bewusst-Sein, das im zeitlosen Raum des Hier und Jetzt stattfindet, Die Wahrheit des Bildes misst sich nicht an der Korrespondenz seiner Aussage mit einer scheinbar objektiven Realität, sondern an der Kraft, mit welcher es den Betrachter  überzeugen kann, sich auf die ästhetische, post-reflexive Erfahrung einzulassen. Hierbei ist der Gehalt der Erfahrung unwesentlich, denn alles was ist, wird nur in seiner phänomenalen post reflexiven Präsenz wahrgenommen. 

Dies bedeutet zum Einen, dass es keine abschließende Interpretation des „Objektes“-Bild geben kann, und dass Kunst, die solch ein Thema hat, alle anderen Kunstwerke einschließt und niemals hinter sich lassen möchte. Und des bedeutet auch, dass es dennoch eine Interpretation der Erfahrung Kunst gibt, die allen Betrachter gemein ist: nämlich die Erfahrung dessen, was passiert, wenn wir uns überhaupt bewusst zu unserem Leben mit seinen Leerstellen verhalten. Das, was fehlt, der Mangel, das Leiden und die Sehnsucht nach Erfüllung ist in dieser Erfahrung latent vorhanden als ein Aspekt des Seins. Dies ist die heilende Wirkung der Kunst, ihre Schönheit, trotz allem.

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BAROQUE_21

Est beau ce qui, d ́après Kant, enclenche un libre jeu entre l ́imaginaire et l’entendement, en offrant à notre raisonnement et à notre fantaisie une riche matière. „Baroque“ signifiait à l’origine „aux formes excentriques“, en parlant de perles irrégulières qui inciteraient notre esprit autant que notre imagination. Nous voyons un ciel aux couleurs pastels, un libre jeu de couleurs et de formes indéfinies qui, elles, rappellent vaguement de grandes perles…quoi d´autre pourraient-elles représenter? Le libre jeu de cette contemplation outrepasse les limites que nous imposent les règles de nos concepts.

Certes, l’art est redevable non seulement à la beauté, mais aussi à la vérité et à la réconciliation. Celle-ci est indispensable, puisque la vérité sur les mortels blesse et fait souffrir. La réconciliation avec la vérité elle même est nécessaire mais aussi avec les blessures que cette vérité nous inflige et nous a toujours  infligées.

Nous voyons un ciel découvert mais nous ne percevons pas le paradis. Les fenêtres célestes sont des entailles dans la texture de la toile. Non pas, il est vrai, des blessures récentes, mais plus anciennes, bien soignées, en quelque sorte presque guéries. L’ancien combat que mène la critique de la religion contre toute tentative de consolation insipide et vaine mais aussi contre cette menace crue de damnation, le combat entre les cieux et l’enfer, est achevé. Entre le ciel et l ́enfer il subsiste cela: la terre, notre place pour vivre, bâtir, penser.

Dans le quadrangulaire Platonique (ou Heideggerien) du ciel et de la terre, du mortel et du divin, il est bon de vivre, si seulement les signes divins – et c ́est bien cela, l’art – ne font pas défaut et que l ́art accomplit son oeuvre comme il le sait faire. La réussite et le succès de l’art dépendent de sa beauté: rien n ́est plus beau que le Beau – et là où la beauté triomphe nous sommes réconciliés avec la vérité dans toute son implacable rigueur et toute sa cruauté. Reculons donc et laissons nous emporter librement par les peintures du baroque 21, dans cette oscillation entre l’indétermination quasi figurative et l’abstraction, entre ces plans aux maintes couleurs et ces percées dans la troisième dimension. Et alors, dans ce suspens, elle se déploie, en toute liberté, la beauté pure.

Anton Friedrich Koch, Heidelberg (traduction K.R.)

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BAROQUE_21

Schön ist nach Kant, was die Imagination und den Verstand in ein freies Spiel bringt und dabei viel vorzustellen und viel zu denken gibt. Barock heißt ursprünglich schief, bezeichnet schiefe Perlen, die viel vorzustellen und viel zu denken geben. Wir sehen einen pastellfarbenen Himmel im freien Spiel der Farben und ihrer Formen mit großen Perlen, die das Pastellfarbene unterbrechen. Was außer Perlen könnte das sonst noch sein? Dem freien Spiel ist keine Grenze durch begriffliche Regeln gesetzt.

Aber die Kunst ist nicht nur der Schönheit, sondern auch der Wahrheit und der Versöhnung verpflichtet. Weil die

baroque II, oil, epoxy on canvas, 200 x 220, 2015

baroque II, oil, epoxy on canvas, 200 x 220, 2015

Wahrheit über die Sterblichen verwundet und schmerzt, tut Versöhnung not, Versöhnung zumal mit der Wahrheit selbst und Heilung der Wunden, die sie uns schlug. Wir sehen den Himmel geöffnet, aber wir schauen nicht ins Paradies. Die Himmelsfenster sind vielmehr Schnittwunden in der Textur der Leinwand. Nicht frische Wunden indes, sondern ältere, gut versorgte, fast schon geheilte Wunden. Der alte Kampf der Religionskritik gegen schalen Trost und krude Drohung, der Kampf um Himmel (heaven) und Hölle, ist vorbei. Zwischen Himmel und Hölle bleibt: die Erde, unser Ort zum Wohnen, Bauen, Denken.

Im Platonischen Geviert (oder Heideggerschen Geviert) von Himmel (sky) und Erde, Sterblichen und Göttlichen könnte gut Wohnen sein, sofern die Winke der Göttlichen – das aber ist die Kunst – nicht ausbleiben und die Kunst ihr Werk gut verrichtet. Ihr Erfolgskriterium ist die Schönheit; nichts ist schöner als das Schöne, und wo es triumphiert, sind wir mit der Härte der Wahrheit versöhnt. Treten wir also einen Schritt zurück und lassen die Bilder des Baroque 2015 zwischen vieldeutig Fast-Gegenständlichem und einfach Ungegenständlichem und zwischen der farbigen Fläche und den Durchbrüchen ins Dreidimensionale frei oszillieren. Dann, im freien Schweben, stellt sich alsbald ein die reine Schönheit.

Anton Friedrich Koch, Heidelberg