1 –Ausgangspunkt des Projekts war der Versuch, soziale Ausgrenzung zum Inhalt einer ästhetischen Erfahrung zu machen, und die These in den Raum zu stellen, daß von der Gesellschaft ausgegrenzte Personen als Projektionsfläche für das verleugnete, mangelnde Selbstwertgefühl „funktionierender“ Gesellschaftsmiglieder dienen.
2- Der zweite Diskussionsansatz, der während des Projekts entstand und quasi eine Meta-Ebene bildet, lautet: Kann man Kunst somit aus dem Betriebsystem der art-world herauslösen und sie in einen lebendigen Kontext stellen, der andere Bewährungskriterien zuläßt? Nach den Regeln der art-world bleibt dem Künstler nur die Alternative, entweder marktkonforme (Konsum-)güter zu produzieren oder sich jenen Kuratoren anzuvertrauen, die dem Kunstmarkt selber skeptisch gegenüberstehen und auch für „reines“ Produzieren systemimmanente Kriterien finden. Probeweise soll der Maßstab von ART-STOPP! schlicht und einfach sein, ob die Aktion „greift“. Die teilnehmenden Passanten merken, daß sie aktiv mitwirken an dem, was sie erleben: Der mitwirkende Passant schafft die Wirklichkeit des Experiments ebenso wie die, die es primär erzeugen.
3 - Die dritte Ebene betrifft das Projekt als ein Geschehen zeitgenössischer Kunst: letztere versucht, den Horizont des Sagbaren auszuloten und innerhalb seiner eine Perspektive auf Ganzheit zu entwickeln. Ihre Aussage ist von der Art: „es scheint mir, daß“ - ohne Ausgriff auf Objektivität aber dennoch mit einem Wahrheitsanspruch. Die uns allen bekannte Dynamik von Sich-Einlassen und Distanz, in der wir uns als Subjekte heute wahrnehmen und zu verstehen lernen, wird sich am ehesten präsentieren in einer Kunst, die 1) performativ ist und die 2) keinen Ausgriff auf irgend eine Form von objektiver „Wahrheit“ stellt – Kunst kann heute verstanden werden als Versuchsanordnung einer Lebens-Option. Sie kommt zwar als Wirklichkeit daher, aber immer im Modus einer Möglichkeit.
4 - Und eben dies macht die besondere Attraktivität von Kunst heute aus: Sie ist die einzige Aussageform über die Welt, die sich vollends damit begnügt, zu zeigen, was mir – dem kreativen Subjekt und dem an ihr ebenso aktiv teilhabenden Rezipienten, als jeweils mögliche Welt wirklich zu sein scheint. Angesichts dessen, daß auch die Naturwissenschaften ihren Ausgriff auf letzendliche Wahrheit aufgeben mußten, ist die künstlerische Versuchsanordnung im weiten Sinne vielleicht die authentischste, jedenfalls eine mögliche Weise, heute noch über die Welt zu sprechen.
Kunst als philosophisches Experiment im Medium ästhetischer Erfahrung.
6 mal in Wien, 2 mal in Belgrad und 2 mal in Kiew wurden Planen auf Gehsteige und Plätze von beliebten Einkaufsstraßen gestellt, mit Gruppenporträts von Menschen, die sozialen Randgruppen zugehören. Diese Gruppen-Porträts waren mit Fragen versehen, die auf dem ersten Blick die Unsicherheit der abgebildeten Personen ausdrücken: Bin ich wer? Bin ich im Weg? Muß ich Du sein? etc...
Eben diese Fragen wurden in leicht abgewandelter Form den Passanten gestellt.
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