Künstlerisch arbeiten heisst, Versuchsanordnungen anzustellen: das Aufstellen unseres Erfahrungszusammenhangs in Zeit und Raum, und hiermit das Ausloten des intimst Bekannten, des gleichzeitig zutiefst unverständlichen, dessen, was es für einen jeden heißt, er selbst zu sein und hier und jetzt und heute zu leben. Künstlerische Arbeit ist somit ein Versuch, das eigene Leben durch die repräsentative Kraft des jeweils neuen (Aufstellungs-) Bildes auszuloten und ihm in Bezug auf das Sein, das sich in ihm offfenbart, einen im wahrsten Sinn des Wortes allgemein- gültigen Sinn zu geben: dies kann mit dem Medium der Malerei, einer Fotografie oder, noch eindeutiger, als ein performatives Experiment im Labor öffentlicher sozialer Interaktion stattfinden.
Kann man Kunst aus dem Betriebsystem der art-world herauslösen und sie in einen lebendigen Kontext stellen, der andere Bewährungskriterien zuläßt?Nach den Regeln der art-world bleibt dem Künstler nur die Alternative, entweder marktkonforme (Konsum-)güter zu produzieren oder sich jenen Kuratoren anzuvertrauen, die dem Kunstmarkt selber skeptisch gegenüberstehen und auch für „reines" Produzieren systemimmanente Kriterien finden. Probeweise soll der Maßstab von Kunst schlicht und einfach sein, ob die Aktion „greift". Die teilnehmenden Passanten merken, daß sie aktiv mitwirken an dem, was sie erleben: Der mitwirkende Passant schafft die Wirklichkeit des Experiments ebenso wie die, die es primär erzeugen.
3 - Die zweite Ebene betrifft solche Projekte als ein Geschehen zeitgenössischer Kunst: letztere versucht, den Horizont des Sagbaren auszuloten und innerhalb seiner eine Perspektive auf Ganzheit zu entwickeln. Ihre Aussage ist von der Art: „es scheint mir, daß“ - ohne Ausgriff auf Objektivität aber dennoch mit einem Wahrheitsanspruch. Die uns allen bekannte Dynamik von Sich-Einlassen und Distanz, in der wir uns als Subjekte heute wahrnehmen und zu verstehen lernen, wird sich am ehesten präsentieren in einer Kunst, die 1) performativ ist und die 2) keinen Ausgriff auf irgend eine Form von objektiver „Wahrheit“ stellt – Kunst kann heute verstanden werden als Versuchsanordnung einer Lebens-Option. Sie kommt zwar als Wirklichkeit daher, aber immer im Modus einer Möglichkeit.
4 - Und eben dies macht die besondere Attraktivität von Kunst heute aus: Sie ist die einzige Aussageform über die Welt, die sich vollends damit begnügt, zu zeigen, was mir – dem kreativen Subjekt und dem an ihr ebenso aktiv teilhabenden Rezipienten, als jeweils mögliche Welt wirklich zu sein scheint. Angesichts dessen, daß auch die Naturwissenschaften ihren Ausgriff auf letzendliche Wahrheit aufgeben mußten, ist die künstlerische Versuchsanordnung im weiten Sinne vielleicht die authentischste, jedenfalls eine mögliche Weise, heute noch über die Welt zu sprechen.